8.000 Jahre Genuss: Die Geschichte der Milch

Ein Glas Milch zum Frühstück, danach das Geschirr schön in den Geschirrspüler und ab in die Schule oder Arbeit: So sieht das Morgenritual vieler Menschen aus. Auch vor tausenden von Jahren genoss man morgens einen Schluck Milch – nur fiel der Abwasch damals nicht so gründlich aus. Zum Glück! Denn ohne die Milchreste an den Gefäßen der Jungsteinzeit wüssten wir heute nicht, wann Milchkonsum salonfähig wurde.

Ältere Gewohnheit, als bisher gedacht

Lange Zeit gingen Forscher davon aus, dass die Menschen im vierten Jahrtausend vor Christus auf den Geschmack der Milch kamen. Die Wissenschaft stützte diese Annahme auf Funde von Abbildungen und Skulpturen von Tieren aus dieser Zeit. Tatsächlich, so weiß man heute, wurde der Grundstein des Milchkonsums schon vor rund 8.000 Jahren gelegt.

Wissenschaftler rund um Richard Evershed von der Universität Bristol fanden über 2.200 Tongefäße mit Überresten von Fetten, wie sie typischerweise in Milch vorkommen. Das Fazit: Milch wurde schon deutlich früher als angenommen genossen, speziell im Norden Anatoliens. Rinder, Ziegen und Schafe wurden sogar noch früher – vor etwa 10.000 Jahren – gehalten. Zunächst allerdings nur als „Fleischreserve“, später auch wegen ihrer Wolle und schließlich als Quelle für Milch.

Die Milch kommt nach Europa

In Europa sollen die ersten Milchtrinker vor 7.900 bis 7.450 Jahren in Rumänien und Ungarn gelebt haben. Sie nutzten die Milch vor allem, um sich zu stärken. Dabei gewöhnten sie ihren Körper auch an den Milchzucker Laktose. Diesen konnte der Mensch anfangs nur verarbeiten, solange er Muttermilch zu sich nahm. Das änderte sich nun langsam. Wissenschaftler betonen, dass damit nicht nur der Siegeszug der Milchtrinker einsetzte, sondern auch die Landwirtschaft erfunden wurde. Damit leitete Milch eine rasante kulturelle Revolution in Europa ein.

Milch sicherte das Überleben

Warum aber war es wichtig, dass Menschen Milchzucker nun auch im Erwachsenenalter verarbeiten konnten? Milch ist eine kalorien- und eiweißreiche Nährstoffquelle – und somit gerade in Zeiten von Ernteausfällen und geringem Know-how im Ackerbau ein ideales Lebensmittel. Zusätzlich war Milch in der Jungsteinzeit weniger keimbelastet als Trinkwasser. Wer Milch gut vertrug, sicherte sich damit also einen deutlichen Überlebensvorteil.

Ein Nährstoff prägt einen Kontinent

Dieser Überlebensvorteil durch Milch verankerte sich schnell im menschlichen Erbgut. Besonders im Norden Europas setzten die Menschen daher verstärkt auf die Landwirtschaft und prägten damit die europäische Gesellschaft. Hätte der Süden Europas diese Entwicklung vorangetrieben, sähe heute vieles anders aus, meint der Genetiker Mark Thomas. „Europa wäre wohl weitaus mehr von südlicheren Kulturen dominiert als heute. Das gilt möglicherweise auch für die Sprachen, die wir heute sprechen“.

Die Geschichte der Milch ist also ganz eng mit der Geschichte und Entwicklung der Europäer verknüpft. Kein Wunder, dass der „Durchschnittseuropäer“ noch heute gut 50 Liter Milch pro Jahr genießt.

Die größten Milchproduzenten heute

Rund 160 Millionen Tonnen Milch wurden 2015 in der EU produziert – ein weltweiter Rekord. Auf Rang zwei liegt Indien mit rund 150 Millionen Tonnen pro Jahr, gefolgt von den USA mit rund 100 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: In Österreich werden jährlich etwa eine Million Tonnen Milch produziert, wovon die Hälfte in den Export geht.1 

Pakistan, China und Brasilien sind weitere wichtige globale Milchhersteller. Auch Neuseeland nimmt bei der Milchproduktion eine besondere Rolle ein: Weltweit ist die Nation mit nur vier Millionen Einwohnern die Nummer eins bei den Milchexporteuren – ein Drittel der globalen Milchausfuhren stammen aus dem kleinen Inselstaat inmitten des südlichen Pazifiks.2 Da die Beliebtheit des weißen Nahrungsmittels weltweit zunimmt, wird auch die Nachfrage danach noch weiter steigen – vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Eine echte Erfolgsgeschichte also, die einst in Vorderasien begann und rund um den Globus fortgeschrieben wurde – und die noch nicht zu Ende erzählt ist.

1 Quelle: www.meine-milch.de/kuh-iz/wer-ist-momentan-der-groesste-exporteur-von-milchprodukten-auf-dem-weltmarkt  

2 Quelle: www.agrarheute.com/news/milchmarktprognose-nachfrage-uebersteigt-angebot